Unterwegs im klassischen 5-Zylinder-Ur-Quattro

Der Audi Ur-Quattro änderte alles

Unterwegs im klassischen 5-Zylinder-Ur-Quattro: Der Audi Ur-Quattro änderte alles
Erstellt am 9. Oktober 2021

Anfang der 80er Jahre hing Audi ein Rentner-Image an. Dann kam der Ur-Quatto und es änderte sich alles. Der Vorsprung auf die Konkurrenz wurde durch Technik gewonnen. Es gibt Strecken, auf denen darf man eigentlich nur mit einem speziellen Rennwagen fahren. Der Col de Turini ist so ein Ort. Auf der gut 22 Kilometer langen Serpentinenhatz fuhr Walter Röhrl 1984 im Audi Rallye Quattro A2 bei der legendären Rallye Monte Carlo der Konkurrenz um die Ohren und zementierte so seinen Sieg. Was den Triumph noch süßer machte, war der Ingolstädter Dreierpack, denn auf den Plätzen zwei und drei der prestigeträchtigsten Rallye folgten mit Stig Blomqvist und Hannu Mikkola zwei weitere Audi-Piloten.

Wir befinden uns ebenfalls an jenem berühmten Berg, an dem Triumphe gefeiert und sicher geglaubte Siege an den schneebedeckten Felsen zerschmetterten. Vor uns ein Lenkrad mit vier Ringen auf dem Pralltopf. Ja, es ist ein Audi Ur-Quattro Coupé, passend zum Col de Turini. Unser Modell aus dem Jahr 1988 hat zwar nicht die wilden 360 PS (konservativ angegeben), die Walter Röhrls Fahrmaschine nach oben wuchteten, sondern „nur“ 200 PS. Aber unter der roten Motorhaube werkeln ebenfalls fünf Töpfe in der berühmten Zündreihenfolge 1-2-4-5-3: Jenes Kolbenstakkato, das zu diesem einzigartigen kehlig-rauen Motorklang führt.

Jetzt geht es los. Wie ein wildes Raubtier faucht das Triebwerk auf. Schon während der ersten Meter flüstert uns das Coupé ins Ohr: „Keine Sorge, ich bin ganz zahm, kann aber auch richtig wild werden“. Jede Kurve der legendären Passstraße erzählt ihre eigene Geschichte. Wir fahren nicht auf Sieg, sondern wollen die wertvolle Karosserie unbeschadet nach oben bringen und dabei natürlich Spaß haben. Den haben wir.

Der Ur-Quattro macht uns das Leben leicht. Auch nach über 30 Jahren ist es beeindruckend, wie entspannt sich der 1.300 Kilogramm schwere Audi um die Ecken zirkeln lässt. Klar hat der Allradantrieb nicht jene feinfühlige Regeltechnik aktueller Systeme, aber die mechanischen Sperren und Differenziale erledigen ihre Aufgabe mit imponierender Präzision. Wenn man den Fünfzylinder mit genug Drehzahlen bei Laune hält, kommt man auch flott um die Kurven. Aufkeimenden Übermut unterbindet das tänzelnde Heck sofort.

Die Testfahrten des Audi Ur-Quattro waren eine ziemlich heiße Sache. Nicht nur, dass an jeder Ecke Erlkönigjäger lauerten, die ein Bild der Ingolstädter Geheimwaffe schießen wollten, auch bei den Erprobungen in der Sahara-Wüsste wurde es brenzlig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Techniker hatte die grandiose Idee, die Kraftstoffleitung direkt über den Turbolader zu legen. Es kam, wie es kommen musste, der Prototyp fing bei sehr hoher Geschwindigkeit Feuer, der Rallye-Fahrer Harald Demut konnte das Auto noch auf 130 km/h herunterbremsen und hechtete dann aus dem lichterloh brennenden Fahrzeug. Übrig blieb im Grunde nur ein Haufen geschmolzenes Metall. „Die Ingenieure haben sich Teile der Alufelgen als Erinnerungsstücke mitgenommen. Der Rest liegt vermutlich heute noch in der Wüste“, erzählt Audi-Historiker Ralf Friese.

Hinter dem Projekt des Ur-Quattro stand der damalige Audi-Technikchef Ferdinand Piëch, der vorhersagte, dass jeder vierte produzierte Audi ein Allradmodell sein würde. Damals schallte das Gelächter der Experten bis nach Wolfsburg. Die Technik ist was für die Baustelle, auf der Straße interessiert das keinen Menschen, hieß es. Heute ist der Ingolstädter Autobauer ohne diese Technik undenkbar. Mehr als 60 Prozent der Autos mit den vier Ringen auf dem Kühlergrill haben vier Räder mit Antrieb. Doch auch der Patriarch lag nicht immer ganz richtig mit seinen Vorhersagen. Denn er meinte, dass der Quattroantrieb den Aufpreis eines hochwertigen Satzes Winterreifen ausmachen würde. „Er hat sich dann breitschlagen lassen und die Aussage mit dem Zusatz „auf Alufelgen“ zu versehen“, schmunzelt Ralf Friese.

Sobald diese Preisprobleme aus dem Weg geräumt waren, konnte es an die Serienproduktion gehen. Der Audi 80 der Modellbaureihe B2 war die Basis für den Audi mit Allradantrieb, der intern die Bezeichnung Typ 85 trug. Auf dem 75. Genfer Autosalon wurde am 3. März 1980 das Tuch vom Ur-Quattro gezogen und das Publikum war begeistert. Ein Indiz, was kommen sollte. Genau 11.452 Exemplare des Ur-Quattro wurden zwischen 1980 und 1991 gebaut. Ursprünglich waren nur 400 Stück geplant. Heute ist Audi ohne den Allradantrieb undenkbar.

Wolfgang Gomoll; press-inform

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