Meister der drei Linien

Autodesigner Teil 2 - Walter de Silva

Meister der drei Linien: Autodesigner Teil 2 - Walter de Silva
Erstellt am 3. Juli 2021

Walter de Silva prägte über mehrere Jahre das Design des VW-Konzerns. Er verlieh den technisch guten Fahrzeugen eine schnörkellose mediterrane Leichtigkeit, die schon den Alfa Romeo 156 ausgezeichnet hatte, ebenfalls ein de-Silva-Auto.

Walter de Silva ist ein Mann der leisen Worte. Aber wenn er etwas zum Thema Automobildesign von sich gibt, dann sind das nicht selten Sätze, die in Stein gemeißelt sind. „Ein Auto muss mit zwei, maximal drei Linien definiert sein“, lautet seine Antwort auf die oft gestellte Frage, was ein gutes Design ausmacht. Seine Kreationen sind schnörkellos, klar und simpel, aber eben nicht einfach. Er folgte stets seinen eigenen Prinzipien und befand deshalb, dass Silber die beste Farbe für die Präsentation eines neuen Automobils sei. „Denn da werden die Formen am besten betont“. Der Weg de Silvas in das Herz der deutschen Automobilindustrie war ein klassischer.

Nach seiner Ausbildung lockte 1972 das Centro Stile Fiat in Turin. Doch der junge Italiener erkannte, dass er noch weitere Einflüsse benötigte, um als Designer weiterzukommen. Also wechselte er 1975 zum bekannten Designer Rodolfo Bonetto in Mailand und entwarf Möbel, ehe er 1979 im I.De.A Institute anheuerte, bis 1986 Alfa Romeo rief.

Ein de-Silva-Auto, das man sehr oft in Silber sieht, ist der Alfa Romeo 156. Für die Alfisti hat die Limousine schon heute das Zeug zum Klassiker und das heißt bei der an zeitlosen Fahrzeugen nicht armen Geschichte des italienischen Autobauers einiges. Das Design des Alfas lenkte die Aufmerksamkeit eines Automanagers auf den begabten Italiener: Ferdinand Piëch. Was der Patriarch sich vornahm, geschah in der Regel im VW-Konzern, also wechselte de Silva 1991 zur VW-Tochter Seat.

Dort machte er sich gleich ans Werk, um der iberischen Automarke Emoción einzuhauchen. Autos wie der Seat Altea und vor allem der Seat Leon, dem man die gestalterische Verwandtschaft zum Alfa Romeo 147 ansah, stammten aus de Silvas Feder. Die mediterrane Formgebung erfüllte ihren Zweck und vermittelte den Autos aus Martorell jene sportliche Note, die die Konzernleitung mit dem Engagement des Italieners beabsichtigt hatte. Durch sein Engagement bei Seat hatte sich der Italiener die Weihen für die großen Konzernmarken verdient. Vor allem Audi brauchte eine optische Frischzellenkur.

Bei der Premiummarke kreuzten sich die Wege von Walter de Silva und Martin Winterkorn. Eine Begegnung zweier Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Der temperamentvolle Topmanager, der gerne auch mal Bauteile durch die Gegend schmiss, wenn sie seinen Qualitätsansprüchen nicht genügten und der feinsinnige Italiener, der immer im edelsten Zwirn auftrat und mit leiser Stimme sprach. In Ingolstadt liefen schnell die ersten Wetten, wie lange der Signore im Auge des menschlichen Orkans überstehen würde.

Doch die selbst ernannten Sachverständigen sollten sich täuschen. So unterschiedlich im Auftreten die beiden Männer auch waren, einte sie doch eine Sache: das Streben nach dem perfekten Automobil. Der Techniker Winterkorn hatte ein Gespür für klares Design und ließ seinem Formengeber gewähren. Beide saßen oft bis spät in der Nacht zusammen und diskutierten die neuen Audi-Modelle. Denn eines war beiden klar, die Ingolstädter Marke brauchte eine optische Runderneuerung, um im Premium-Dreikampf nicht hinter BMW und Mercedes zurückzufallen.

Walter de Silva verpasste den Audi-Modellen ein Antlitz, das bis heute die Marke definiert: den Singleframe-Grill. Dazu verlieh er den Autos eine neue Formensprache, die schlicht, aber präsenter war, als das bisher der Fall gewesen war. In seiner Zeit als Audi-Designer entstanden Fahrzeuge wie der Audi A6 (C6), der Audi TT (8J) oder der Sportwagen Audi R8. Fragt man den Italiener nach seinem Favoriten, kommt die Antwort, wie aus der Pistole geschossen: „Der Audi A5 ist das schönste Auto, das ich jemals entworfen habe.“ Mit dieser Meinung stand er nicht allein da: Für den Audi A5 erhielt der Italiener 2010 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Als Martin Winterkorn 2007 zum VW-Chef ernannt wurde, nahm er den Designer seines Vertrauens gleich mit nach Niedersachsen. Kaum in Wolfsburg angekommen, musste de Silva einen echten Husarenritt hinlegen.

Die sechste Generation des VW Golf stand quasi schon in den Startlöchern, doch der neue Impresario Martin Winterkorn war mit dem Aussehen nicht zufrieden. Ganz und gar nicht. Ein Golf darf nicht altern, lautet damals wie heute die Prämisse des Designs. Für Walter de Silva bedeutete das eine knackige Nagelprobe gleich zu Beginn seiner Zeit in Wolfsburg. Wenn man die Ikone des Konzerns optisch auf links drehen muss, steigt man vielen auf die Füße und kann eigentlich nur verlieren.

Doch der Italiener erledigte die Aufgabe mit der ihm eigenen Grandezza und einem Lächeln auf den Lippen. Die Formensprache des Golf VI war maßgebend für die nächsten Jahre und Modelle des VW Konzerns. Walter de Silva blieb bis zum Jahr 2015 bei VW, ehe er sich aus Wolfsburg verabschiedete. Neben seinem Engagement beim Automobilzulieferer EDAG hat er auch ein eigenes Designbüro und dazu noch mit „Walter de Silva Shoes“ eine eigene Modemarke.

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