Josef Juza hat mehr Volkswagen als mancher VW-Händler

114 x Golf – Zu Besuch in der wohl größten Golf-Sammlung

Josef Juza hat mehr Volkswagen als mancher VW-Händler: 114 x Golf – Zu Besuch in der wohl größten Golf-Sammlung
Erstellt am 5. Juni 2018

Wer sagt, dass sich Liebe nicht in Zahlen ausdrücken lässt? In unserem Fall lautet die Zahl 114. Der Österreicher Josef Juza liebt den Golf und wohl deshalb besitzt er exakt 114 Stück davon. Wobei dies als Zwischenstand zu verstehen ist. Das Ausmaß seiner Liebe ist noch immer im Wachsen begriffen, wenn auch nicht mehr so dynamisch wie früher. Die aktive Suche hat der Golf-Sammler längst aufgegeben, aber manchmal werden ihm Stücke angeboten, bei denen er einfach nicht Nein sagen kann. 114 Golf! Zum größten Teil die frühen Baureihen, also Generation eins bis drei. Wir sprechen hier von einem nicht zu knappen Supermarkt-Parkplatz voller Golf, die alle einem einzigen Liebenden gehören.

Der weniger charismatische Teil der Sammlung besteht überwiegend aus Behörden- und Kommunalfahrzeugen.

Josef Juza könnte jeden Abend ein Golf-Treffen von regionaler Bedeutung veranstalten, ohne eine einzige Person einzuladen. Und mehr noch: Weltweit gibt es wahrscheinlich außerhalb der Wolfsburger Autostadt kaum einen Ort mit einer ähnlich hohen Dichte an Golf-Raritäten wie in dieser schlichten Industriehalle nahe Wien.

Im Vordergrund: Ein ehemaliger Disco-König im Breitbau-Format.

Wie viele Golf braucht der Mensch?

Wie die meisten großen Leidenschaften begann auch diese ganz harmlos. Zum ersten Golf kam ein Zweiter, dann ein Dritter. Bloß ging das immer weiter. Und weiter. Und weiter. Bis zum heutigen Stand von 114. Josef Juza über die Anfänge seiner Sammlung „Golfsrudel“: „Als ich das erste Mal in einem Golf saß, hatte ich das Gefühl, als wäre dieses Auto nur für mich gebaut worden. Sitzposition, Fahrspaß, Alltagstauglichkeit, das war alles genau meins.“

Die Sammlung wird von zahllosen raren Automobilia vervollständigt.

Der Schornsteinfeger erledigte seine Arbeit mit einem Caddy, für den Sommer gab es ein Cabrio, für den Winter einen Country, zum Spaßhaben einen GTI und für die Familie einen Normalo-Golf. So weit, so logisch. „Meine Basis war: Für jeden Anlass den richtigen Golf. Dann hab’ ich mich allerdings auf einer Oldtimer-Ausstellung in ein Modell aus der ersten Serie mit Trommelbremsen vorne und Schwalbenschanz-Heckschürze verliebt.“

Erlaubt ist, was Spaß macht: Ein Jetta-Umbau aus dem Jahr 1990.

Dieses frühe Modell war der erste „unnötige“ Golf und darf daher als offizieller Beginn der Sammlung angesehen werden. Wir schreiben Mitte der Neunziger, und wenn einen wie Josef Juza die Leidenschaft einmal gepackt hatte, waren die Verlockungen damals nahezu allgegenwärtig. „Ich brauchte nur kurz ins Internet zu sehen, und schon hatte ich wieder ein tolles Exemplar gefunden, das praktisch nichts gekostet hat. Oft war der Transport teurer als der Kauf.“

Die Schönheit des Alltags

Es mag Menschen geben, die dem Auto die emotionale Bedeutung einer Küchenmaschine beimessen. Für sie ist der Golf eine bestechend logische Wahl. Das Auto kann aber auch eine wunderbare Projektionsfläche für Leidenschaft und Individualität sein. Dann liefert der Golf mit seiner klaren Botschaft und dem unprätentiösen Auftreten eine perfekte Leinwand für die persönliche Entfaltung. Die Kraft dieses Geistes lässt sich jedes Jahr beim GTI-Treffen am Wörthersee bestaunen.

Einer muss den Job ja machen: Ein Caddy als Müllwagen.

Josef Juza kann beides nachvollziehen und hat für alle Sichtweisen auf das Thema Golf Beispiele zusammengetragen. Neben den Raritäten-Highlights finden sich in seiner Sammlung Golf zum Rennen, Golf zum Wohnen, Golf für den ganz großen Luxus, aber auch solche, die in ihrer aktiven Zeit den Müll aufgesammelt haben. Und dann noch die unzähligen Sondermodelle!

Museum des wahren Lebens

In einem Punkt unterscheidet sich das „Golfsrudel“ deutlich von anderen Sammlungen: Die Fahrzeuge wirken naturbelassen und damit sehr ehrlich, was sicher auch dem Umstand geschuldet bleibt, dass Josef Juza ein Einzelkämpfer ist. 114 Fahrzeuge ohne Mechanikertruppe und Hilfspersonal im Hintergrund stellen doch eine gewisse organisatorische Last dar.

Aber gerade dieser vermeinliche Makel verleiht dem Golfsrudel auch seinen Charme. Bestes Beispiel ist der „Millionen“-Golf: Das Exemplar mit der belegbaren Kilometer-Million entspricht in Optik, Haptik und Olfaktorik exakt dem, was man sich unter einem Auto mit dieser Fahrleistung vorstellt, ergibt also ein wunderbares Stück Zeitgeschichte.

Der Kilometer-Millionär: Kurz vor dem Jubiläum hängte der Besitzer den Tacho ab und fuhr noch einmal 150.000 Kilometer damit. Zustand und Geruch machen die Kilometerleistung absolut glaubwürdig.

Als Josef Juza, den Millionen-Golf einmal für eine Ausstellung auslieh, tat er das mit den Wort: „Wenn Sie das Auto putzen, bekommen Sie richtig Ärger mit mir.“ Apropos Zeitgeschichte: Auch kuriose Tuning-Objekte haben ihren Platz, denn diese Sammlung versteht sich ganz nah am Puls der Fans.

Ein Oettinger-Golf mit 150 PS und Optik-Paket.

„Heute sagen manche Tupperware-Golf zu den typischen Breitbauten der Achtzigerjahre. Für mich sind es Erinnerungsstücke an eine Epoche und damals war man ja der Disco-König mit so einem Golf.“

Am Strand gibt es keinen TÜV: Eigenbau eines Buggy-Golf.

Die Vision für die Zukunft des Golfrudels ist klar: Josef Juza will Direktor im eigenen Golf-Museum werden. Die lose Sammlung soll schon bald zu einer öffentlich zugänglichen Ausstellung umgeformt werden. Einen Stellplan gibt es schon, zusätzlicher Platz wurde auch geschaffen. Im nächsten Frühjahr sollen die Pforten geöffnet werden.

Mehr unter www.golfsrudel.at 

Best of 114

• Ein Fahrzeug aus der Vorserien-Produktion, das vom Zulieferer Lunke & Sohn fahrerseitig auf Schiebetür umgebaut wurde und ab 1974 auf zahlreichen Automessen gezeigt wurde.

Die Krönung der Sammlung: Eine Vorserien-Karosserie mit Schiebetür.

• G60 Limited - 71 Mal in der Motorsportabteilung von Hand gefertigt. War mit 210 PS und Syncro-Allrad den damaligen Raketen der Premiumhersteller in Leistung und Preis mehr als nur ebenbürtig.

Nummer 54 von 71: Der in der Motorsportabteilung handgefertigte Golf G60 Limited konnte es einst mit der deutschen Sportwagenelite aufnehmen.

• Rallye-Golf - Homologationsmodell für den Motorsport auf Basis des Golf II. 5000 Mal gebaut.

Ein Mann und sein Traum: Am Anfang stand die Idee, für jeden Zweck einen Golf zu besitzen. Es wurden 114 Stück.

• CitySTROMer I - In Zusammenarbeit mit dem Energieversorger RWE entstand 1981 eine Kleinstserie von etwa 25 Stück, das Modell gilt als eines der ersten alltagstauglichen Elektrofahrzeuge.

Elektro-Start: Der CitySTROMer wurde von einem Dutzend Autobatterien angetrieben und war eines der ersten alltagstauglichen Elektrofahrzeuge.

Bodenständig: Die Batterie-Anzeigen im Cockpit des CitySTROMer.

• City-STROMer II (etwa 70 Stück gebaut).

Die Öko-Ecke im Golfsrudel: CitySTROMer I, CitySTROMer II, Öko-Golf mit früher Start-Stopp-Automatik.

• Öko-Golf - Auf Basis des Golf II entstanden 11 Versuchsträger, an denen zukunftsweisende Technologien wie Start-Stopp und Motorabschaltung im Freilauf getestet wurden.

• Zwei von drei Gangway-Fahrzeugen für den Flughafen Bremen.

Die Gangway-Variante des Caddy wurde nur drei Mal gebaut, Josef Juza besitzt zwei davon.

• GTI-Schwerpunkt mit frühem und spätem Einser, Zweier-GTI 16V, Oettinger-GTI I mit 150 PS, Nordstadt-GTI I, den der Hannoveraner Nobel-Tuner für einen Scheich mit feinstem Leder und einem C-Netz-Autotelefon ausstattete.

So fuhren Scheichs am und im Golf: In feinstem Nappa-Leder und mit C-Netz-Autotelefon.

• verschiedene Wohnmobil-Aufbauten für Caddy.

Der Golf als Schneckenhaus: Der integrierte Kunststoffaufbau bot mehr Platz und ein weniger aufregendes Fahrverhalten als die Huckepack-Kabinen für die Caddy-Ladefläche. 

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