Faszination Hochgeschwindigkeitstestrecke Nardò

Die Highspeed-Kathedrale der Hersteller

Faszination Hochgeschwindigkeitstestrecke Nardò: Die Highspeed-Kathedrale der Hersteller
Erstellt am 30. Januar 2021

Auf der Hochgeschwindigkeitsteststrecke im süditalienischen Nardò finden das ganze Jahr über die Tage des Donners statt. Die runde Asphaltschüssel ist einzigartig und Europas einziges Areal dieser Art. Am 13. März 1977 staunten die Zaungäste in Nardò Bauklötze. Ein Ferrari 312 T2 drehte auf der Hochgeschwindigkeitsrennstrecke mit ohrenbetäubendem Motorklang seine Runden. Am Steuer saß niemand anderes als der Formel-1-Weltmeister Niki Lauda.

Als wenn das nicht genug Spektakel gewesen wäre, steuerte der Österreicher einen sechsrädrigen Boliden mit vollem Karacho über den Highspeed-Nudeltopf. Der Test ist wohl nicht so gut ausgefallen: Der Ferrari mit der doppelten Hinterachse hat nie an einem Formel-1-Rennen teilgenommen. Diese Episode ist nur eine von vielen, die sich auf dem monströsen Kreis abgespielt haben.

Auf der 12,6 Kilometer langen Teststrecke regiert der Geschwindigkeits-Gott. Hier werden Rekorde für die Ewigkeit in den süditalienischen Asphalt gebrannt. Ein aerodynamisch verkleideter Mercedes C111-IV knackt 1979 die 400 km/h-Marke. Die Höchstgeschwindigkeit für Serienfahrzeuge hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und ist überreif für eine Verbesserung. Am 28. Februar 2005 stellte der Koenigsegg CCR mit 387,87 km/h eine Bestmarke auf.

Bei den Elektrofahrzeugen ist der Eliica (Electric Lithium-Ion Battery Car) das ein Team der Keio University in Tokio, Japan, entwickelt hat, mit 370 km/h der Spitzenreiter. Natürlich übertreffen auch Motorräder regelmäßig die 300 km/h Marke, aber genauso wichtig sind die zermürbenden Dauertests, die vor allem die Reifen auf eine harte Prüfung stellen. Das Zweiradgeschoss Suzuki Hayabusa GSX R1300 legte 2009 in 24 Stunden 5.135,07 Kilometer auf einem Reifensatz zurück, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 213,961 km/h gleichkam.

Zum ersten Mal heulten die Motoren unweit des Golfs von Tarent am 1. Juli 1975 auf. Denn zu diesem Zeitpunkt eröffnete der italienische Autobauer Fiat unter der Bezeichnung „Gesellschaft für Automobilteststrecken Nardò“ (Società Autopiste Sperimentale Nardò) ein Testzentrum in der Region Apulien. Mittlerweile ist aus dem Riesen-Kreisverkehr ein Treffpunkt für das Who is Who der Automobilbranche geworden. Das warme Klima am südlichen Stiefelabsatz Italiens bieten das ganze Jahr hervorragende Möglichkeiten, die Fahrzeuge auf Herz und Nieren zu prüfen.

Teil des Areals sind ein 6,2 Kilometer langer Handlingkurs, Klimakabinen und Rüttelpisten. Seit Mai 2012 gehört die Geschwindigkeitskathedrale Porsche. Also scheuchen die Zuffenhausener ihre Sportwagen oder auch den Elektrorenner Taycan unerbittlich bis an die Belastungsgrenze über den Asphalt. Auch der E-Newcomer Pininfarina reizt den Speed des 1.900 PS Boliden Battista hier aus, Heimspiel sozusagen.

Es gibt fast keine Fahrzeuggattung, die nicht unter der heißen Sonne Apuliens eine neue Bestmarke manifestiert oder eine neue Ära eingeleitet hat. Sei es ein Bugatti EB110 GT, der mit Erdgasantrieb und Straßenzulassung am 2. Juli 1994 genau 344,7 km/h schnell war. Am Steuer der absolute Nardo-Spezialist Loris Bicocchi, der nach einem Reifenplatzer bei Tempo 400 einen Bugatti Veyron über rund 1.800 Meter an der Leitplanke entlangschrammte, so zum Stehen brachte und sich unverletzt aus dem Wrack schälte. In Nardò teilen sich Triumph, Spektakel und Dramen die gleiche Fahrbahn.

Hier waren automobile Größen wie Ferdinand Piëch zu Gast, um persönlich die Fahrten des Volkswagen W12 Coupé (auch als Volkswagen Nardò bekannt) zu begutachten. Was als Prestigeobjekt begann, um zu beweisen, dass auch VW einen Supersportwagen bauen kann, endete in einer ganzen Reihe von brutal schnellen Automobilen, die mit dem zylinderverschränkten W-Triebwerk ausgestattet waren – die Krönung war der Bugatti Veyron 16.4 mit dem W16-Motor. Dass es in der berühmtesten Suppenschüssel Europas nicht nur um das durchgedrückte Gaspedal geht, zeigte VW 1980 mit der fünf Meter langen Zigarre Volkswagen ARVW.

Die Aerodynamiker hatten den Luftwiderstand des 800 Kilogramm schweren Gefährts auf einen cW-Wert von 0,15 gesenkt. Der 177 PS-Dieselmotor stammte aus dem LT-Lieferwagen und beschleunigte den Prototypen auf 360 km/h. Und das bei einer extrem schmalen Spurweite von 650 Millimetern. Nur ein Könner konnte so ein Vehikel auf der Bahn halten: der ehemalige Formel 1-Weltmeister Keke Rosberg. Das Resultat waren acht Rekorde! Eine ganz andere Hausnummer war der Mercedes Actros-Lkw im Jahr 2008. Der 40-Tonner legte über 12.728 km auf der Teststrecke zurück und verbrauchte dabei lediglich 19,44 l /100 km.

Das Zentrum der immerwährenden Tage des Donners ist und bleibt der Nudeltopf mit einem Durchmesser von vier Kilometern und vier Fahrspuren, auf denen verschiedene Geschwindigkeiten ohne Seitenkräfte möglich sind: Ganz unten sind es 100 km/h, danach 140 km/h, auf der dritten Bahn sind es 190 km/h und ganz oben 240 km/h. Die Neigung der Steilkurve erreicht dann etwa 22 Grad und lässt die Schüssel, die von oben aussieht, wie ein Ufo-Landeplatz aus dem Science-Fiction-Kracher „Independence Day“ zu einer immerwährenden Geraden mutieren. Natürlich sind noch viel höhere Geschwindigkeiten möglich: Für das 1.600 PS-Ungetüm Koenigsegg Jesko Absolut haben die Experten 531 km/h ermittelt, wenn es die Reifen mitmachen. So oder so, die nächsten Rekorde werden früher oder später auf den Pisten des riesigen Topfs gebrochen werden.

Wolfgang Gomoll; press-inform

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