In der Automobilindustrie gilt eine gelernte Zeitrechnung. Ein Modellzyklus von sieben, acht Jahren ist normal, ein Facelift nach der halben Laufzeit obligatorisch. Ein paar neue Leuchten, ein aufgefrischtes Infotainment, vielleicht ein Assistenzsystem mehr. In China gehen die Uhren anders – wie der Xiaomi SU7 zeigt.
Der chinesische Autobauer Xiaomi kommt mit einem völlig neuen Tempo, denn die Elektro-Limousine SU7 ist keine zwei Jahre alt. Sie ist noch nicht einmal auf europäischen Straßen angekommen und doch wird sie bereits grundlegend überarbeitet. Nicht kosmetisch, nicht aus Marketinggründen, sondern technisch tiefgreifend. Für die etablierte Autoindustrie ist es vor allem eines: überraschend. Denn bei Xiaomi scheinen zwei Jahre Stillstand bereits als Rückschritt zu gelten. Während man in Europa noch über Werkzeugkosten, Produktionsanläufe und Restwertkurven diskutiert, behandelt der chinesische Tech-Konzern das Auto wie ein Smartphone: als Plattform, die permanent weiterentwickelt wird.
Modelljahreswechsel sind hier keine Formalität, sondern ein Anlass für echte Eingriffe in die Architektur. Und das in einer Geschwindigkeit, die in den Entwicklungsabteilungen der „Alten Welt“ für reichlich Migräne sorgen dürfte. Der vielleicht deutlichste Beweis für diesen Paradigmenwechsel ist die Entscheidung für eine durchgängige Hochvolt-Architektur. Bislang galt die 800-Volt-Technik als Privileg der Oberklasse, als teuer erkaufter Vorteil für Fahrzeuge mit entsprechendem Preisschild.
Xiaomi denkt anders. Mit dem Facelift verabschiedet sich der SU7 vollständig von der 400-Volt-Welt. Alle Varianten, also nun auch die Basismodelle, arbeiten künftig mit mindestens 752 Volt – faktisch also mit 800-Volt-Technik. Die Ladezeiten schrumpfen, die Effizienz steigt und thermische Probleme werden beherrschbarer. Plötzlich geraten Volumenmodelle wie Tesla Model 3 oder VW ID.7 unter Druck, weil sie weiterhin mit dem alten Spannungsniveau arbeiten. Ähnlich konsequent geht man bei der Assistenz- und Sicherheitstechnik vor. Was in Europa gerne in teure Ausstattungspakete ausgelagert wird, gehört beim SU7 nun zur Serienausstattung. Der LiDAR-Sensor, bisher den Top-Versionen vorbehalten, sitzt künftig auf jedem Modell. Ohne Aufpreis. Dazu kommt eine deutlich gesteigerte Rechenleistung der neuen Hardware-Architektur für die Assistenzsysteme: 700 TOPS in jeder Variante. Damit ist jeder SU7 in Sachen Chip-Technologie für hochautomatisierte Fahrfunktionen vorbereitet – unabhängig von der Ausstattungslinie.
Diese Strategie ist bemerkenswert, weil sie mit einer der Grundlogiken der klassischen Autoindustrie bricht: der bewussten Differenzierung über Technik. Xiaomi nivelliert diese Unterschiede. Neun Airbags, eine extrem verwindungssteife Karosseriestruktur aus hochfesten Stählen, identische Sensorik: das Sicherheitsniveau wird vereinheitlicht. Noch eindrucksvoller sind die Effizienz- und Reichweitenwerte. Durchgängiger Einsatz von Siliziumkarbid-Halbleitern, neue Elektromotoren und eine konsequent optimierte Leistungselektronik sorgen dafür, dass der SU7 Pro nach chinesischem CLTC-Zyklus über 900 Kilometer Reichweite ausweist. 902 Kilometer, um genau zu sein. Natürlich ist der chinesische Zyklus optimistisch. Rechnet man realistisch, bleiben dennoch 750 bis 800 Kilometer nach europäischem Maßstab. In einem Fahrzeug, das umgerechnet keine 37.000 Euro kostet. Und falls doch geladen werden muss, gibt Xiaomi an, dass in 15 Minuten unter Idealbedingungen 670 Kilometer Reichweite nachgefasst werden können.
Bemerkenswert ist auch, wie schnell Xiaomi auf veränderte Marktbedingungen reagiert. Jüngst wurde in China die Gesetzgebung novelliert, nachdem es öffentliche Bedenken bezüglich der Sicherheit der elektrischen Türschlösser bei einem Unfall kam. Das Facelift bringt deshalb ein zusätzliches mechanisches Notstromsystem. Kundenrückmeldungen zum zu straffen Fahrwerk? Schon das mittlere Ausstattungsniveau SU7 Pro erhält nun die aufwendige Zweikammer-Luftfederung, die bislang dem Topmodell vorbehalten war. Das größte Problem für die Konkurrenz bleibt jedoch die Preisgestaltung von Xiaomi. Trotz deutlich mehr Technik, höherer Leistung, größerer Reichweite und besserem Fahrwerk steigen die Preise nur moderat. Umgerechnet nicht einmal zehn Prozent, der Einstieg bleibt bei umgerechnet unter 30.000 Euro.
Xiaomi nutzt Skaleneffekte, Plattformdenken und die eigene gigantische Softwarekompetenz konsequent aus und gibt diese Vorteile direkt an die Kunden weiter. Nicht als Rabatt-Gag, sondern als Strategie zur Marktverankerung. Und in den europäischen Konzernzentralen dürfte das Licht dieser Tage länger brennen, denn Xiaomi drängt gerade mit Macht ins alte Europa.
Fabian Mechtel; press-inform


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