Video-Fahrbericht: Himmel und Hölle

Unterwegs im original VW Golf 2 Pikes Peak von 1987

Video-Fahrbericht: Himmel und Hölle: Unterwegs im original VW Golf 2 Pikes Peak von 1987
Erstellt am 26. April 2018

Mit einem lauten Scheppern schlägt die Beifahrertür ins Schloss. Ich blicke auf das nackte Innenleben einer grau lackierten Golf 2-Tür und fühle mich wie ein echter Abenteurer, der gerade davorsteht die Entdeckung seines Lebens zu machen.

Neben mir sitzt ein waschechter Abenteurer, der unzählige dieser sagenhaften Geschichten aus dem Bereich Motorsport erzählen könnte, Klaus-Joachim Kleint, den alle aber nur „Jochi“ nennen. Lässig blickt der heute 70-Jährige aus seinen Helm herüber. Aus eben diesem Helm, den Jochi schon im Jahr 1987 trug, als er zum dritten Mal beim „Race to the Coulds“ an den Start ging. Noch heute zeugt ein Aufkleber mit Signatur durch die technische Abnahme vom Rennen seines Leben.

Die Luft wird dünn

Ganze 31 Jahre ist das nun her, das Jochi in seinem Golf und mit dem gleichen Helm an der Startlinie des Pike Peak auf rund 2.800 Meter über dem Meeresspiegel stand und auf das Startzeichen wartete. Damals wie heute fällt die Startfreigabe und es geht los. Diesmal schraubt sich der Pikes Peak Golf mit seinen zwei 16V-Turbo-Motoren aber nicht auf 4.300 Höhenmeter durch die 156 Kurven auf losem Untergrund in Richtung Himmel. Diesmal rollt der Golf ausschließlich auf Asphalt über die Rennstrecke von Ascari. Für Jochi, der seit seinem 18. Lebensjahr Rallyes fährt ein Kinderspiel. Keine steilen Berghänge, die wie am Pikes Peak jeden noch so kleinen Fehler knallhart bestrafen, kein Staub, nur die Hitze, der Wind und der Lärm sind gleich.

Hier ist unser Video zum Golf 2 Pikes Peak

Dabei bin ich alles andere als ein guter Beifahrer, denn viel lieber habe ich selbst das Steuer und damit die Kontrolle in der Hand. Doch heute lasse ich lieber Jochi den Vortritt, zumal er mir vor gut einer Stunde im ruhigen, gelassen Ton erklärt hatte, dass dieser Golf, dieses 30 Jahre alte PS-Monster, auf so einer Strecke ja eigentlich nichts zu suchen hätte. Schließlich sei er komplett für Schotter und losen Untergrund und ganz und gar nicht für das hohe Gripniveau auf Asphalt ausgelegt. Viel zu hoch seien hier die Belastungen für Querlenker und Fahrwerk.

Kleine Ursache, große Wirkung

Und gerade diese filligranen Querlenker waren es, die Jochi 1987 um den Sieg gebracht haben. Das Ziel vor Augen, die Menschenmassen im Blick und die winkende Zielflagge fest angepeilt brach ein Uniball-Gelenk, der vordere, rechte Querllenker klappte nach hinten, und der Traum war 200 Meter vor der Ziellinie, so knapp vor dem Himmel des Pikes Peak, geplatzt. Für Vertrauen sorgte bei mir allerdings die Gewissheit, dass die heute verbauten Uniballgelenke ohne diese leidigen Schmiernippel auskommen und somit keine Schwachstelle in Form einer kleinen Bohrung mehr aufweisen, die dem Twin-Golf 1987 zum Verhängnis wurden.

Ein Golf, wie es keinen wieder geben wird

Mit einem harten, metallischen Geräusch, dass man in einem aktuellen Golf sicher nie zu hören bekommt, legt Jochi den Gang ein. Beide Motoren hat er bereits warm gefahren, während ich mich in den dick gefütterten und feuerfesten Rennoverall im typischen Volkswagen-Motorsport-Design reingezwängt habe, es kann also losgehen. Auf den ersten Metern in die Boxengasse von Ascari scheint sich meine Hoffnung noch zu bestätigen: „Der Jochi geht’s ruhig an.“ Aber dann tritt er das Gaspedal voll durch, beide 16V-Motoren drehen syncron hoch und sorgen für einen Sound, der einzigartig für Auto sein dürfte. Ich erhasche einen kurzen Blick auf den Drehzahlmesser, der sich rasant in Richtung 8.000er-Marke schraubt, die beiden Ladedruckanzeigen darunter stehen wie festgenagelt bei 1,2 bar Ladedruck, bevor Jochi in den nächsten Gang schaltet.

Mit einem festen Ruck reißt er den sehr langen Ganghebel nach hinten, für einen kurzen Moment verstummt das unschöne, metallische Schleifen der gerade verzahnten Renngetriebe aus dem Formel-Sport, dafür entledigen sich beide Turbolader unter Pfeifen ihres überschüssigen Ladedrucks, dass es einem ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. So kurz wie dieses Turbopfeifen anhält, so schnell füllt sich die Fahrerkabine wieder mit den Geräuschen der Renngetriebe, die Fahrer und Beifahrer von vorn und hinten markdurchdringend malträtieren.

Auch nach 31 Jahre macht dieser Golf Eindruck

Mit kaum vorstellbarer Beschleunigung schießen wir auf die erste Kurve zu und ich frage mich, wann Jochi endlich vom Gas geht und auf die Bremse tritt. Ich werde bitter enttäuscht, stattdessen schaltet er ein weiteres mal hoch und nimmt diese mit Vollgas, wobei sich die Slicks förmlich in den Asphalt beißen – keine Ahnung ob wir gerade auf zwei oder vier Rädern fahren. Ich denke noch kurz an Jochis Worte: “.....eine asphaltierte Rennstrecke ist eigentlich nichts für ihn“, und so, wie wir auf die kommende Schikane zuschießen, stelle ich mir für einen Augenblick vor, wie es wohl gewesen sein muss, mit den rund 630 PS die staubigen und nicht befestigten 156 Kurven zum Pikes Peak hochzujagen.

53 Bilder Fotostrecke | Himmel und Hölle: Die Bilder zum VW Golf Pikes Peak-Bergrenner von 1987 #01 #02 Lange Zeit zum Nachzudenken bleibt eh nicht, zu sehr muss ich mich darauf konzentrieren, wie leichtfüßig Jochi den Golf durch die Schikane zirkelt, dabei aber die Randsteine voll mitnimmt, sodass ein weiterer harter Schlag durch den Wagen geht. Vom zusätzlichen Gewicht des Motors im Heck ist nichts zu spüren. Schon vor 31 Jahren haben die Konstrukteure in Kombination mit dem Leichtbau die noch heute gültige Formel für eine optimale Gewichtsverteilung von 50 zu 50 Prozent angewandt und damit ein perfektes Handling realisiert.

Jochi Kleint lässt den Golf fliegen

Dann endlich ist es soweit, selbst ein Jochi Kleint muss irgendwann bremsen, und der Twin-Golf kann das auch nach 31 Jahren erstaunlich gut . Selbst wenn die Bremsanlage im Vergleich zu heutigen Rennwagen – sagen wir es, wie es ist – mickrig ausfällt, verzögern die innenbelüfteten Bremsscheiben die 630 PS zuverlässig und erstaunlich vehement. Für Jochis Ritt im Jahr 1987 wohl mehr als ausreichend, schließlich war der Himmel das Ziel.

Zuvor musste er aber, genau wie heute im Jahr 2018, durch die Hitzehölle, die uns der Twin-Golf aufzwingt. Bereits nach den ersten Metern klettert die Temperatur im Inneren gefühlt mindestens genau so rasant, wie der Golf beschleunigt. Eine wirklich brauchbare Lüftung gibt es nicht. Ein simpler Schlauch quer durch den Motorraum ins Fahrzeuginnere muss damals wie heute genügen. Auch die vier kleinen Löscher in den Seitenscheiben aus Kunststoff helfen kaum gegen Hitzeentwicklung der aufgeladenen Motoren. Einzig die Aggregate selbst können sich über eine Abkühlung freuen, kleine Wasserdüsen im hinteren Motorraum besprühen hier die Kühler, um die Temperatur erträglich zu halten.

Der VW I.D. R soll schaffen, was dem Golf 2 verwehrt gebleiben ist

Dann passiert das, von dem ich erhofft hatte, es würde nicht so schnell eintreten. Plötzlich fühlt sich der Twin-Golf völlig anders an, Jochi ist vom Gas gegangen – wir sind auf der Auslaufrunde. Es ist dieser Augenblick, in dem mir schlagartig klar wird, diesen Ritt wird es kein zweites Mal geben. Ich fühle, wie es Jochi im Jahr 1987 gegangen sein muss, als sein Traum vom Race to the Cloud zerbrach.

Dennoch bleibt diese Begeisterung für das, was Jochi Kleint und das Team von Volkswagen Motorsport im Jahr 1987 geleistet haben. Einen Golf zu bauen, der auch nach 31 Jahre eine echte Kampfansage ist und in dessen sehr großen Reifenabdrücke der VW I.D. R am 24. Juni beim „Race to Coulds“ 2018, dem Pikes Peak-Bergrennen rollen will, um das zu beenden, was Jochi verwehrt geblieben ist.

Von 0 auf 100 km/h in 2,25 Sek. - Weltpremiere des ersten VW Elektro-Rennwagens Elektrisierender Rekordversuch mit dem Volkswagen I.D. R „Pikes Peak“ Das Ziel ist klar definiert: Volkswagen will beim Pikes Peak International Hill Climb an die Spitze der E-Prototypen, die Waffe dafür heißt I.D. R „Pikes Peak“

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