Stiller Künstler

Autodesigner Teil 3 - Claus Luthe

Stiller Künstler: Autodesigner Teil 3 - Claus Luthe
Erstellt am 8. Juli 2021

Claus Luthe gilt als einer der begabtesten deutschen Automobildesigner des vergangenen Jahrhunderts. Seine Kreationen zeichnen sich durch schnörkellose Formen aus, die eine mediterrane Leichtigkeit vermitteln. Am besten sieht man das an Luthes Meisterstück, dem NSU RO80.

Der am 17. März 2008 gestorbene Claus Luthe war keiner der sich in die Öffentlichkeit drängte. Zeitgenossen beschreiben ihn als eher stillen Menschen. Der aber auch einen Schicksalsschlag hinnehmen musste. Denn der damalige BMW-Designer tötete in der Nacht von Karfreitag auf Ostersamstag des Jahres 1990 seinen schwer alkoholkranken und tablettensüchtigen Sohn Ulrich und wurde für diese Tat zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Hintergründe dieses Familien-Dramas sind komplex und sollen an dieser Stelle nicht weiter ausgebreitet werden. Hier geht es um den Automobildesigner Claus Luthe und dessen Kreationen, von denen einige wie der NSU RO80 oder der BMW 850 heute als Design-Klassiker gelten.

Claus Luthes Kindheit war wie die vieler Heranwachsender der damaligen Zeit vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Der Sohn eines Möbelschreiners wurde als am 8. Dezember 1932 als zweitältestes Kind von insgesamt fünf Geschwistern in Wuppertal geboren. Mit dem Krieg veränderte sich auch das Leben der Familie drastisch: Der Vater wurde schon früh zu den Waffen gerufen und Claus sowie sein älterer Bruder mussten einen Bauern in Schlesien bei der täglichen Arbeit helfen. Dass diese Tätigkeit alles andere als ein Zuckerschlecken war, dürfte niemand verwundern. Der Ton war rau und die beiden Jugendlichen mussten die Leistung eines Erwachsenen erbringen. Dennoch genoss der religiös erzogene Luthe die Arbeit an der frischen Luft und das Zusammensein mit den Tieren.

Diese Selbstständigkeit, die er sich bei dem hart verdienten Brot in Schlesien aneignen musste, sollte ihm später helfen. Denn das Schicksal hatte auch für die Familie Luthe einige heftige Schläge in petto. Der Vater fiel in Russland und die Familie musste schwer arbeiten, um über die Runden zu kommen. Vor allem die Mutter und die ältesten Kinder kannten keinen Müßiggang. Eine Konstante hielt die Familie zusammen: der Glaube und der sonntägliche Gang in die Kirche. Eigentlich wollte der begabte Zeichner Architekt werden, aber in einem zerstörten und besetzten Land regiert der Pragmatismus. Also schmiss Claus Luthe 1948 seinen Schulranzen für immer in die Ecke, fing eine Lehre beim Karosseriebauer Voll in Würzburg, wo die Familie Unterschlupf gefunden hatte, und war von der Arbeit an Omnibussen hellauf begeistert.

Doch dem ehrgeizigen jungen Mann stand der Sinn nach Größerem. Mit der Selbstdisziplin, mit der er die Wirren des Krieges gemeistert hatte, arbeitete er an sich und stieg die Karriereleiter nach oben. Claus Luthe sog das Wissen über Autos förmlich in sich auf, nutzte jede Gelegenheit, sich fortzubilden. Doch bald wurde dem ehrgeizigen Stilisten die ländliche Hemdsärmeligkeit des Familienbetriebs zu klein. Er strebte nach einer beruflichen Veränderung und wurde bei NSU-Fiat fündig, wo er sich auf das Entwerfen von Autos konzentrieren konnte. Dabei halfen Luthe die praktischen Erfahrungen, die er beim Karosseriebau gewonnen hatte, da er ein Verständnis für das Machbare und die Auswirkungen des Designs mitbrachte. Zunächst wirkte der Jung-Designer bei der Gestaltung der Front des „Fiat Nuova 500“ mit, der 1957 auf den Markt kam. Doch als sich die Wege des italienischen und deutschen Autobauers trennten, ergriff Claus Luthe die Gelegenheit beim Schopf, nahm 1956 den Job als Designer an und entwarf fortan Automobile und Motorräder, ehe er 1967 die Leitung der Designabteilung übernahm.

Claus Luthes Formen zeichneten sich durch eine mediterrane Klarheit aus, verschnörkelte Linien entsprachen nicht seinem ästhetischen Empfinden. Aus seiner Feder stammen Autos wie der NSU Prinz 4 („Fahre Prinz und Du bist König“), der NSU Wankel-Spider, der als erstes Fahrzeug mit einem Wankelmotor bestückt war, und seine vielleicht berühmteste Kreation: der NSU RO 80. Die Wankelmotor-Limousine ist heute ein Klassiker und gilt als das schönste Auto, das Claus Luthe entworfen hat. Als der Wagen 1967 präsentiert wurde, spendete die Automobil-Welt frenetischen Applaus. Claus Luthes leichtfüßige Schöpfung strahlte mit dem niedrigen Vorderwagen, den dünnen Dachstreben und dem leicht erhöhten Heck eine spielerische mediterrane Eleganz aus. Das Alfa Romeo-Scudetto würde dem Kühlergrill genauso gut stehen. Doch der bescheidene Mann wollte sich nicht in den Vordergrund spielen. „Gutes Design sieht man nicht“, lautete seine Maxime.

Nachdem Audi sich NSU einverleibt hatte, bekam mit VW K70 ein Luthe-Mobil, das er eigentlich für NSU entwickelt hatte, kurzerhand die VW-Plakette verpasst. Den ansehnlichen Formen tut das keinen Abbruch. Bis 1976 wirkte er bei Audi und gab Fahrzeugen wie dem Audi 50 (und damit auch dem VW Polo und Derby) sowie der zweiten Generation des Audi 100 (C2) die Form.

Doch dann war es für Luthe an der Zeit, zu gehen. In München war man auf das Können des stillen Künstlers aufmerksam geworden und bot ihm an, die Nachfolge Paul Bracqs als Chefdesigner zu übernehmen. Luthe nahm an und war bis zu seinem Ausscheiden 1990 als Designchef beim bayerischen Autobauer tätig. Unter seiner Ägide entstanden Autos wie zum Beispiel die beiden 5er-Baureihen E28 und E34 (zweite und dritte Generation), der BMW 7er II (E32) und die zweite und dritte Generation des BMW 3ers (E30 und E36).

Während seiner Zeit bei BMW bildete er zusammen mit dem Italiener Ercole Spada vor allem beim Entwurf der 5er- und 7er-Baureihen ein kongeniales Duo. Die Zusammenarbeit funktionierte vor allem auch deshalb, weil Claus Luthe nie den Boss heraushängen und dem begabten Südeuropäer seine Freiheiten ließ. Ein Highlight der Luthe-Ära war zweifelsohne der BMW 850 (E31), aber auch die Motorräder R 80, K100 und K 75 trugen seine Handschrift.

Wolfgang Gomoll; press-inform

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